Women’s Head of the River Race London 2009
300 Frauen-Achter am Start
Am 16. Dezember erreichte uns die Mail vom Ruderclub Tegel: „Wir sind 14 Ruderinnen und wollen in London rudern – möchten zwei von euch dabei sein?“ Spontan entschieden Anna Moschick und ich, uns dieser Unternehmung anzuschließen.
Das hieß ab sofort wieder 2 – 3 mal in der Woche zu trainieren. Da Eis auf den Seen lag, bedeutete das auch emsiges Concept-IIRudern. Unter diesem Druck kann man es sich nicht leisten, eine gewisse Winterfaulheit auszuleben, und so behielten wir gleich unsere Form, die wir uns für Quer durch Berlin und den Heringsachter antrainiert hatten. Karola konservierte sie zusätzlich mit der Teilnahme am Nudelsprint.
Es gab nur eine Möglichkeit vor der Regatta in London zu rudern. Das war am letzten Februarwochenende beim RC Wiking. Da aber fast alle Tegel-Frauen rudern wollten, wurde in zwei Schichten gerudert, was für uns 24 km am Stück bedeutete, so als erste Einheit im Jahr recht tough, aber dank des Ergotrainings kein großes Problem und mit Hirschtalg fast keine Blasen. Am Freitag, den 6.3. früh morgens im völlig bereiften England angekommen, nahmen Anna und ich in einem altehrwürdigen Pub als erstes ein typisch englisches Frühstück ein (O-Ton Anna: Der Ekel (vor dem fetten Fleisch) reicht für die nächsten 5 Jahre). Danach streiften wir durch die Stadtteile Soho und Chinatown und freuten uns über die hübschen blumengeschmückten Pubs, das Stadtbild, die Architektur und die wunderbar angelegten Parks. Gegen Abend erreichten wir Greenwich, wo wir im Globe Rowing Club unterkommen wollten. Dort war um 19:00 Uhr niemand um uns zu empfangen, also testeten wir englisches Bier im nächsten Pub, wo sich im späteren Verlauf des Abends alle Aktiven nach und nach zusammenfanden.
Es stellte sich heraus, dass noch niemand die Meldeunterlagen gesehen hatte, dass Trevor, dem britischen Steuermann, der die Rennboote besorgt hatte und die Meldeunterlagen besitzen sollte, über deren Vorhandensein und Verbleib keine präzisen Angaben zu entlocken waren, dass der importierte Steuermann Axel Beutelmann (BRC) noch dringend eine Rettungsweste brauchte, um nicht disqualifiziert zu werden, und überhaupt noch keine Ansagen für den nächsten Tag gemacht waren und nicht klar war, wer das übernehmen sollte. Also stellten sich manche schon aufs lustige Schlachtenbummeln ein.
Unsere Unterkunft, der Globe Rowing Club, war entgegen allen Erwartungen sauber, hell, und warm, weil im letzten Sommer frisch renoviert worden war. Im Aufenthaltsraum, teilweise mit Teppichboden, konnten alle 16 sehr bequem auf unseren Isomatten unser Schlaflager einrichten. Wir hatten vom Club eine tolle Sicht auf die ehemaligen Docklands und den Millennium Dome. Es hat auch keine geschnarcht, wir kamen ausgeruht in unseren Regattatag. Wir hatten eine lange Anreise zum Ruderclub „Son’s of the Themes“ nahe der Hammersmith Bridge, wo der englische Steuermann Trevor und unser Leih- Achter schon auf uns warteten. Trevors Vorschlag, Schlagzahl 32 zu rudern, verwarfen wir schnell und einigten uns auf 30 (war schlimm genug). Schnell wurden noch die letzten Einstellungen vorgenommen und das Boot geputzt, und schon ging’s auf den Schwimmsteg. Gummistiefel waren gerade nicht erforderlich, da das Wasser noch so hoch stand, dass der Steg im Wasser lag. Der Tidenhub beträgt ca. 3 – 5 m. Zum wichtigsten Inventar eines Themseruderers gehören Gummistiefel, denn bei Ebbe liegen die Stege, falls überhaupt vorhanden, auf dem Themsegestade im Trockenen. Wir mussten nach dem Rennen mit nackten Füßen in die eiskalte dreckige Themse, um das Boot zu bergen.
Es gibt eine ganz strenge Ordnung, die vorschreibt, dass die 300 Achter aufgeteilt in gerade und ungerade Startnummern, an beiden Ufern entlang zum Start hochfahren und sich am Ende, nach Startnummern sortiert, einordnen. Nach der letzten Wende liegen alle Achter in der Startnummernreihenfolge hintereinander, werden vom Schiedsrichterboot aufgerufen und starten im 10-Sekunden- Abstand. Unsere Nummer war die 196 und die des 2. Tegel- Achters 198. Wir hatten Glück mit dem Wetter, die Sonne schien schüchtern und es wehte nur eine leichte Brise. Die schmerzfreien Britinnen ruderten in kurzen Hosen und mit nackten Armen. Und los ging es auf die ca. 6 km lange Strecke mit Strömung. Wir konnten Boote überholen, wurden aber auch von ganz schnellen überholt. Der zweite Tegel-Achter kam uns etwas näher. Beim Überholen ist man nicht vornehm, aber Trevor hatte alles im Griff. Er steuerte unseren Achter gut und legte Wert darauf, das in deutscher Sprache zu tun, da er früher 8 Monate in München gelebt hatte. Trevor hat uns während des gesamten Rennens wirkungsvoll ermuntert und nicht wenig zu unserem akzeptablen Ergebnis von 21min 12sec beigetragen, was uns den 106. Platz sicherte. Der andere Tegel-Achter gelangte mit 21min 05sec auf den 92. Platz. Auf der Rückfahrt zu den Son’s of the Themse unterhielt uns Trevor mit Gesang „Freude schöner Götter Funken“ (voller Text in Deutsch).
Nach dem Rennen gab es natürlich einen Umtrunk und das Austauschen von Gastgeschenken bei den Son’s of the Themes und abends das Gleiche in Greenwich im Globe Rowing Club, der auch ein Boot im Rennen hatte. Am Sonntag war nochmals Zeit für London, wir teilten uns in verschiedene Interessengruppen auf. Abends trafen wir uns am Flughafen wieder und konnten uns von unseren Abenteuern erzählen. Wir flogen bereichert (Ryanair war kulant bei schwerem Gepäck) nach Berlin zurück und stellten uns leise oder laut die Frage, wann es das nächste Mal ist, dass wir in London rudern werden.
Karola Kleinschmidt und Anna Moschick
