Sommerwanderfahrt 1996 - Rundtour durch Holland
Unsere 4. große Sommertour führte uns auf einem Rundkurs durch Holland. Von Wageningen über Utrecht, Gouda, Haarlem, Rotterdam und anderen Städten zurück nach Utrecht. Allerdings ganz so schlimm, wie in den folgenden Berichten dargestellt, war es nicht wirklich.
12. Juli 1996
Nachdem wir um 7:00 Uhr in Wageningen geweckt wurden, um gegen 10 Uhr loszufahren, was wir allerdings erst um 11:00 Uhr schafften, machten wir uns auf den Weg ins Abenteuer. Die Monster von Frachter machten aus unserer ersten Etappe ein wahres Abenteuer. Sie schleuderten uns so hohe Wellen entgegen, wie sie noch niemand gesehen hatte. Glücklicherweise hatten uns einige der Ortskundigen vorgewarnt, so daß jedes Boot mit Schöpfbechern ausgerüstet war. Nach einer von diversen Schleusen legten wir in einem Hafen an, um einzukaufen. Da Gunnar am Morgen die Mietbus zurück nach Dortmund gebracht hatte, schauten wir erwartungsfreudig Anne an, die uns das Geld geben sollte. Die wurde aber nur unruhig, den bald fiel ihr ein, daß sie das Geld zusammen mit ihrer Tasche ein paar Kilometer flußaufwärts vergessen hatte. Gunnars schon von der letzten Wanderfahrt so berühmte EC-Karte half aus, während Anne - leider vergeblich - nach ihrer Tasche suchte. Es war schon sehr spät und wir hatten noch drei Schleusen und den einen oder anderen Kilometer vor uns. Der letzte Schleusenwart, der uns schleuste, obwohl er schon einige zeit Feierabend hatte, entließ uns auf einen Kanal, auf dessen West-Ufer wir nach wenigen Metern und um 23:00 Uhr den RV Wiking in Utrecht erblickten. Nach einer Suppe, die mehr nach Maggi schmeckte, als nach etwas anderem, durften wir schlafen gehen - zum Glück sollte der nächste Tag ein Ruhetag sein !
14. Juli.1996
Heute durften die Sklaven lange schlafen - bis 6:00 Uhr! Unser Oberaufseher Gunnar entließ uns aus unseren Käfigen und Bodenlöchern und zwang uns, nach einem kargen Frühstück, unsere Ruderplätze einzunehmen. Der Gesang, den wir Sklaven anstimmten, um unser kollektives Leiden zu artikulieren, war der einzige Trost. Er gab uns zugleich den Rhythmus für unsere unerträgliche Arbeit an den Rudern. Die Boote flogen heute nahezu durchs Wasser und der Chef dachte schon einen kleinen Moment darüber nach, sich im Wasserskifahren am Ruderboot zu versuchen. Die Aufseher waren so schlau, auch uns Knechte die eine oder andere Minute auf den Steuersitz zu lassen, damit sie keinen Ärger mit der Gewerkschaft bekommen konnten. Aus dem gleichen Grund verzichtete der Oberaufseher auch auf die Nummer mit den Wasserskiern. Wie aus heiterem Himmel hatte sich die Meckernann-Pauschalreise (Name von den Autoren geändert) in eine Kamäl-Abenteuer-Trophy (s.o.) verwandelt: Niemand konnte sich wehren, die schweißnassen Körper glänzten im gnadenlosen Licht der Sonne. Sie mußten sich durch Büsche und Uferböschungen kämpfen, vorbei an bösartigen Pfählen, die aus dem Wasser ragten. Immer wieder betonte Co-Chefin Anne, daß es sich wirklich um eine Abkürzung handelte. Endlich in Haarlem angekommen, durften wir uns unsere vollkommen überhitzten und verklebten Leiber im eiskalten Wasser der Grachten spülen, welches die Aufseher vor Ort sicherheitshalber mit Glasscherben verseucht hatten, um einer möglichen Flucht vorzubeugen. Die Sklaven, die kein Interesse an einem Bad hatten, wurden durch die Kameraden aus den eigenen Reihen rücksichtslos in Wasser geworfen. So erfrischt und gewaschen, kauerten sie sich zusammen, um wenigstens ein wenig Ruhe vor dem nächsten Tag zu haben, der sicherlich nicht wesentlich streßfreier verlaufen würde.
16.07.1996
Als die Sonne schon hoch am Himmel stand, rekelten sich die ersten Säcke ?!? Ein duft von Fäulnis schwebte durch die Luft, als sich die Kreaturen zu den Toiletten und Waschgelegenheiten schleppten. Nach genau einer halben Ewigkeit fanden sie sich zum Mahle ein, um im Anschluß daran unaufhaltsam dem Stadtzentrum von Utrecht zuzustreben. Verteilen war angesagt. So strebten viele kleine Gruppen nach dem gemeinsamen Geldtausch in unterschiedliche Richtungen. Die Eingeborenen ließen sich nicht stören und drehten weiterhin gemütlich ihre Nachmittagstütchen. Als die Gruppen junger Berliner Ruderer gen Abend wieder verschmolzen und die Nahrung aufgenommen war, begaben sich zwei finstere Gestalten in die Herrentoilette, um die Nahrungsbehälter zu reinigen. Plötzlich stürmte ein wildgewordener und wild gestikulierender Fremdkörper herein und brachte die Beiden dazu, ihre Handlung kurzfristig zu unterbrechen. Er hatte lediglich erreichen wollen, daß die Nahrungsbehälter auch am Waschplatz für Nahrungsbehälter gereinigt werden - wohl aber war der Ton der Falsche gewesen. Man hätte meinen können, einen deutschen Blockwart vor sich zu haben... Als sich jedoch schließlich die Schwärze der nacht über uns ausgoß, entschlummerten wie dem grauen, gemeinen Alltag bis zum nächsten Morgen....
18.07.1996
Der Tag begann recht kühl. Nach flottem Frühstück verließen wir den niedlichen Campingplatz mit dem passenden Namen "Tempelhof" in der Nähe von Gouda Richtung Rotterdam. Der Kanal wurde bald schmaler und schmaler, und schon bald fuhren wir "auf" dem Deich dahin, sozusagen übers Land. Die wenigen Brücken, die die Deiche miteinander verbanden, wurden bald immer niedriger, so daß man sie bald nur noch mit "Ruder lang" und "Kopf-einziehen" passieren konnte. Wir erlebten eine nicht allzu aufregende Fahrt. Als wir endlich den Ruderklub in Rotterdam erreichten und Gunnar das Kommando zum Ausladen gab, kam es zu Meinungsverschiedenheiten in der Fahrtleitung, was bald zu dem Kommando "Einladen" führte - es sei wohl der nicht der richtige Ruderklub. Bald durften wir das Gepäck aber ein drittes Mal in die Hand nehmen. Die Boote wurden aus dem Wasser genommen, geputzt und verstaut. Schnell hatten wir Kontakt zu einheimischen Ruderern, die uns erzählten, daß es sich um eines von mehreren Bootshäusern ihres Vereins handelte - einem Ruderverein mit über 2400 (!) Mitgliedern... Ganz nebenbei engagierten sich die Mitglieder für Behinderte, was aber in Holland eine ganz normale Sache wäre. Unser Abendessen bestand aus einem üppigen Topf Milchreis, bevor um 23:00 Uhr endgültig Nachtruhe war.
