Himmelfahrt 1955 - Eine Komödie im RaW

Erinnerungen an längst vergangene Zeiten - Himmelfahrt 1955

Nie werde ich vergessen, was sich damals im Klub ereignete - an einem herrlichen Himmelfahrtstag im Jahre 1955. Diese kleine Episode, die ich gleich erzählen werde, ist typisch für die damalige Zeit, als der RaW noch ein reiner Herrenruderklub war. Man muß wissen, daß damals strenge Sitten herrschten und bestimmte Regeln selbstverständlich eingehalten wurden. Es gab jeden Sonntag einen Klub-Aufsichtsdienst. Das war ein Mitglied, das sich am frühen Morgen einfand, auf dem Kopf die rote Klubkappe mit dem weißen "W" und am Ärmel die rot-weiße Armbinde mit der Aufschrift "Klubdienst". Dieses Mitglied sorgte dafür, daß auf dem Bootsplatz Ordnung und Disziplin herrschten, daß die Boote pfleglich behandelt und nach dem Rudern bestens gesäubert wurden. Erst am Abend, wenn alle Boote wieder zurück waren, war sein Dienst beendet. Rudern durften nur Herren; es sei denn, ein Kamerad ruderte, mit steuernder Ehefrau oder vorgestellter Verlobten. Letzteres wurde aber als "Mulleken"-Einer belächelt. Die Damen waren nur Gäste (gern gesehene, wie man höflich hinzufügte).

Der Donnerstag aber war absolut den Herren vorbehalten; niemals hätte ein weibliches Wesen sich an diesem Tag ins Klubhaus gewagt - nicht einmal auf den Bootsplatz. Der Donnerstag war für die Herren Refugium. Man war nur unter Kameraden, man ruderte, führte Gespräche, wobei das Hauptthema der Klub war, man trank (Ruderer waren immer durstig), man hörte die neuesten Witze - nicht immer für Damen geeignet (darauf achtete man früher).

Dieser anfangs erwähnte Himmelfahrtstag brachte große Aufregung. Als sich die ersten Herren einfanden, um nach KW zu starten, wo man sich traditionsgemäß alljährlich mit den Ruderern befreundeter Vereine zu treffen pflegte, stand man traute seinen Augen nicht - auf dem Bootsplatz eine Frau - eine Frau!!, man war fassungslos. Diese Dame von undefinierbarem Alter, mit Hütchen, Schleier und Stöckelschuhen war schon eine merkwürdige Erscheinung - aber irgendwie auch Respekt einflößend. Gemurmel unter den Herren: wer ist das, wie kommt sie hierher. Ungläubiges Staunen mischte sich mit Empörung.

Gemessenen Schrittes, die Hand zum Gruß an der Klubkappe, näherte sich ein Entschlossener der Dame: "Guten Morgen, gnädige Frau, darf ich fragen, wie Sie hierherkommen?" Verächtlicher Blick durch den Schleier. "Na, wie schon, mein Herr, mit der S-Bahn". - Räuspern seitens des Herren: "Gnädige Frau, dieser Klub ist ein Herren-Ruderklub,und Damen sind selbstverständlich gern gesehen Gäste. Aber heute - hm - nun ja, ist es Damen nicht gestattet, sich hier aufzuhalten. Darf ich im übrigen fragen, wer Sie hier eingeführt hat?" "Dürfen Sie, dürfen Sie, mein Herr. Mein Vetter ist ein Mäzen dieses Vereins. Wenn ich Ihnen den Namen nenne, wird es Ihnen leid tun, mich des Platzes verwiesen zu haben". Die anderen Herren, die in respektvoller Entfernung das Wortgefecht beobachtet hatten, näherten sich mit finsteren Mienen. Man war ratlos. Wer ist dieser ominöse Vetter, man wollte ja keinen Fehler machen. Aber eine Dame am Herrentag auf dem Bootsplatz, das war unmöglich!

Für die Dame war das Gespräch beendet. Sie stellte sich mit verschränkten Armen auf den Steg und kehrte den verdutzten Männern den Rücken zu. Nun reichte es; man beschloß, die Boote zu Wasser zu lassen und damit die Fremde zu vertreiben. Geschäftiges Hin- und Herlaufen mit grimmigen Mienen - geschickt wich die Dame den Boote tragenden Männern aus, und kaum war das erste Boot im Wasser, schwang sie sich auf den Steuersitz und säuselte: "Nun rudert mich mal schön". Die Herren waren einer Ohnmacht nahe. Plötzlich riß sich die Dame Hütchen, Schleier und die Perücke vom Kopf - und zum Vorschein kam der gute, alte Kamerad Leo Dahmen, der sich so perfekt verkleidet und mit hoher, verstellter Stimme seinen Kameraden diese Komödie vorgespielt hatte. Das Gebrüll der Getäuschten soll man bis zum Strandbad gehört haben. Es kostete unseren Leo viele Lagen, aber das war ihm der Spaß wohl wert.

Irene Krebs