Historie: Anrudern 1958
Unser Anrudern 1958 - Anrudern im Wandel der Zeiten
Von besserem Wetter als im vorigen Jahr begünstigt, nahm unser diesjähriges Anrudern am 20. April mit 182 aktiven Ruderern einen guten Verlauf. Der Kurs ging programmgemäß Richtung Moorlake - Pfaueninsel und erbrachte 2500 km Mannschaftskilometer. Ein Eintopfessen vereinte dann die hungrig gewordenen Ruderer, bei dem nach Begrüßungsworten durch den Vorsitzenden Kam. Böttcher der 1. Ruderwart, Kam. Nern, eine ausgezeichnete Ansprache hielt, die wir wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung nachstehend im vollen Wortlaut wiedergeben. - Anschließend an das Essen nahm der Jugendwart, Kam. Specht, die Trainingsverpflichtung der Jugendlichen vor, indem er dabei eindringlich auf die Aufgaben und Pflichten, der sie sich jetzt für die kommenden Monate unterziehen werden, hinwies. Diese Verpflichtung schließt ein, zur Ehre unserer Farben auf den Regatten als faire Sportsleute zu kämpfen und sich dort stets als echte RaWer zu bewähren. Der Nachmittag und Abend vereinte namentlich die jugendlichen Tänzer zu geselligem Zusammensein und gab damit diesem Tage einen schönen harmonischen Abschluß.
Ansprache des 1. Ruderwarts
"Meine Kameraden! Bevor wir im Bewußtsein unserer freudig erfüllten Pflicht gemeinsam das wohlverdiente Mahl einnehmen, begrüße ich Sie im Namen der Ruderwarte und freue mich, daß Sie in so großer Zahl erschienen sind. Ist doch dieser Tag ein Beweis dafür, daß unser Appell an die Förderung der Kameradschaft von Ihnen richtig verstanden worden ist. Wenn auch die Rudersaison offiziell erst durch unseren Verbandspräsidenten am Tag des Rudersports - 4. Mai - eröffnet wird, so beginnt doch für uns schon heute das betriebsame Leben unseres Klubs. Kleine Unstimmigkeiten, die sich naturgemäß dort ergeben, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenIeben, sollten für uns kein Grund sein, daraus ernste Probleme erwachsen zu lassen. Halten wir uns vor Augen, daß wir uns freiwillig dieser Gemeinschaft zugeordnet haben, werden uns viele Dinge in einem anderen Lichte erscheinen und wir den Sinn des Zusammenschlusses in der Klubgemeinschaft erkennen. Grundlage unserer Gemeinschaft ist die Kameradschaft. Die Wurzeln ihrer Kraft ruhen in der Disziplin und Treue. Tugenden, die unabdingbare Voraussetzungen eines homogenen Gemeinschaftsgefüges sind. Diese Gedanken der psychologischen Erziehung werden von uns herangetragen an die Jugend und weiter an die jüngeren Mitglieder unseres Klubs. Uns allen aber bleibt darüber hinaus noch die Verpflichtung bestehen, echte menschliche Beziehungen zu'schaffen. Unser Klub, der sich zu dieser Größe entwickelt hat, legt uns allen die Verpflichtung auf, uns als Mitglieder umeinander zu kümmern. In dieser ernsten Erziehungsfrage sollte niemand abseits stehen. Machen wir uns aber auch frei von Vorurteilen, die den Bestand unserer Gemeinschaft erschüttern können und hüten wir uns davor, Werturteile abzugeben.
Oft werden wir hierbei von Gefühlen gelenkt, die ihren Ursprung ableiten von Sympathie oder Antipathie, wahrlich zwei schlechte und unzuverlässige Ratgeber. Zu uns kommen Menschen aus allen Kreisen der Bevölkerung und der verschiedenartigsten soziologischen Schichtung. Ihnen den Weg zur Kameradschaft zu ebnen und sie einfügen in unsere Gemeinschaft, sollte uns allen ein echtes Bedürfnis sein. Es sind Menschen wie Du und ich. Menschen auch, die wie Sie einmal, hier in unseren Klub kommen, um Freude am Rudersport zu erleben, die Ruhe und Entspannung suchen nach Tagen angestrengter beruflicher Tätigkeit. Sie im Sinne unseres Klubs zu erziehen, damit sie echte Mitglieder unserer Gemeinschaft werden, müßte unser aller Ziel sein. Nicht selten haben sich auch in unserem Hause Freundschaften gebildet, die für die Dauer eines Lebens von Bestand waren. Und noch ein weiteres bleibt uns zu tun. Nehmen wir nicht alles mit tierischem Ernst auf! Auch nicht die Ausübung unserer Vorstandsämter. Eine gewisse heitere Gelassenheit sollte uns erhalten bleiben. Selbstverständlich sind wir nicht erfreut, wenn durch mangelnde Sorgfalt oder Nachlässigkeit Schäden entstehen, die unseren Klubetat neu belasten. Aber auch hier müßte sich auf dem Wege der kameradschaftlichen Aussprache, unbeschadet der in unserer Satzung verankerten Paragraphen, eine Verständigung erzielen lassen. Die Ressortleiter sind nur die durch Ihren Willen eingesetzten Treuhänder Ihrer Gelder, die sie zu Nutz und Frommen für unseren Klub anwenden. Wenn ich vorhin von dem Fragenkomplex der Erziehung sprach, dann nicht ohne auch die Arbeit unseres Vorstandes zu würdigen. Viele unserer Kameraden, die diese Ämter ausüben, sind als Idealisten schon seit einer Reihe von Jahren für unseren Klub tätig. Leider werden sie durch ihre administrative Tätigkeit der eigentlichen Ausübung unseres Sportes entfremdet. Es könnte auch vorkommen, daß sie eben durch diese freiwillige Mehrbelastung neben ihrem Beruf leichter von der Managerkrankheit befallen werden können. Ich würde es aus diesem Grunde sehr begrüßen, wenn sie jede Gelegenheit ergreifen würden, um in der Ausübung des Rudersports den erforderlichen Ausgleich zu ihrem belastenden Amt zu finden. In der frischen Luft, bei gemeinsamer Fahrt im Boot werden auch sie sich freier fühlen und ihre kraftvolle Männlichkeit bewahren. Meine Kameraden, ich würde mich freuen, wenn Sie in diesem Jahr oft Gebrauch machen von unserem großen Bootspark und jede Gelegenheit wahrnehmen, um zu rudern. Ich wünsche Ihnen allen ein frohes und erholsames Ruderjahr und unseren Trainingsleuten und dem Klub eine erfolgreiche Trainingssaison 1958."
Irene Krebs
