Die Jahre 1923 bis 1925
Auszüge aus den rudersportlichen Memoiren von Leberecht Opitz
... bei mir kam dazu, dass ich bereits ab dem Jahre 1919 -zusammen mit meinem Bruder - zur Ruderei, zur Schülerruderei zunächst, gefunden habe, zu jener Sportart, die überwiegend meine Jugendzeit im Elternhaus wie auch hernach bis 1933 geprägt hat. Mein Vater war ein Funktionär, so würde man heute sagen, der Schüler- und Jugendruderei. Einige Bücher und Arbeiten von ihm, auch Bücher anderer, Artikel anderer über ihn zeugen davon. Er war Mitglied der Rudergesellschaft Wiking an der Oberspree und all das, was wir dank dieser, seiner Tätigkeit erlebt haben, bleibt für mich unvergessen. So das Erleben der alljährlichen Ruderregatten auf dem Langen See bei Grünau, der späteren Olympiastrecke, das Erleben des dortigen Kaiser-Viererrennens, die Anwesenheit das Kaisers. So auch die Jubiläumsregatta im Jahre 1913 auf der dortigen Strecke, da wir noch als kleine Kinder das Kommen des Kaisers auf seiner Dampfyacht Hohenzollern miterlebten. Als mein Vater, auch im Jahre 1913, auf der grossen Schülerregatta die Begrüssungsrede an den Kaiser hielt und wir Kinder mit unserer Mutter in einer Ehrenloge dieser, noch heute bestehenden grossen Tribüne oder stehend dem Besuch das Kaisers, vor allem aber dessen Begrüssung der Siegermannschaft im Kaiservierer zuschauen konnten. Damals schon entstand in mir der Wunsch, der Vorsatz, selbst auch einmal an diesem Rennen teilzunehmen und dieses zu gewinnen. In der Schülerruderei des Westverbandes am kleinen Wannsee, wo mein Gymnasialruderverein Askania mit vielen anderen Schulen untergebracht war, hatte das Rennrudern kein grosses Gewicht oder Ansehen. Man meinte damals innerhalb dieses Schülerruderverbandes, dass dieser Sport für die noch jungen Menschen nicht so sehr geeignet wäre. Wir Jungen waren aber damals schon bestrebt, Rennen zu rudern, d.h. unsere Mannschaftskräfte gegeneinander zu messen. So habe ich später, als Unterprimaner endlich mal ein Vierer-Rennen auf dem kleinen Wannsee mitmachen u n d gewinnen können, auch das Glück gehabt, im Jahre 1923/24 in die Mannschaft des West-Schüler-Achters aufgenommen zu werden. Dieses besondere Rennen, vereinbart schon seit 1922 zwischen den beiden Schülerruderverbänden, also im Osten auf der Spree bei Niederschöneweide und im Westen am kleinen Wannsee (dieses Bootshaus steht heute noch, gelegen am Kleistgrab neben dem Bootshaus das bekannten Berliner Ruderclubs ( BRC ), bei den Rennruderern "Cluuuub" benannt) hat mein Vater als damaliger Vorsitzender des Schülerruderverbandes Niederschönweide ins Leben gerufen. Zunächst in den Jahren 1922 und 1923 in von den benachbarten Rennruderklubs entliehenen Gigbooten - also noch Rennbooten - ausgefahren, hat der Berliner Zeitungsverlag Ullstein dann im Frühjahr 1924 für jeden Verband einen Renngigachter gestiftet, die auf die Namen BZ - Spree bzw. BZ - Havel auf der Bootswerft Pirsch in Oberschöneweide getauft worden sind. Bei dieser Tauffeier war ich als Abgeordneter meiner Schule bzw. mit anderen aus dem Westverband dabei und durfte unseren Kahn, natürlich rudernd, von der Oberspree auf dem Teltowkanal zum Wannsee transportieren. Das Rennen fand dann im Sommer in Grünau statt. Trainiert wurden wir Westler von den mir später freundschaftlich nahe stehenden Ludwig Holst ( Bubi Holst ), einem RaW-Mitglied und dort ein sehr erfolgreich gewesener Rennruderer ...
... da im Jahre 1925 bei mir zunächst einmal die Ruderei im Vordergrund meiner Zielsetzung stand, belegte ich zunächst auf der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin die pflichtmässigen, naturwissenschaftlichen Fächer und dabei, im Vordergrund meines Wissensdurstes stehend, Chemie. Damals bei dem Professor Dr. Binz, der im Jahre 1925 Rektor der Hochschule war. Ich habe der Ruderei wegen nicht etwa die Kollegs geschwänzt. Ich habe alles miterlebt, mitgemacht, was uns Studenten damals geboten wurde, - und gerudert. Dies in einer fast reinen Studentenmannschaft im Ruderklub am Wannsee, in den ich also durch das Training für den Westschülerachter hineingeraten war und in dem als wahrlich damals recht kräftiger junger Mann auch gern gesehen zu sein schien. Zunächst in der zweiten Garnitur der Jungmannschaft, zusammen u.a. mit meinem langjährigen nun verstorbenen Freund Walter Kempf ( Schwenker ) rudernd, gelang uns beiden jedoch recht bald der Durchbruch zur ersten Garnitur als Jungmann ...
... wir konnten besser rudern, wir waren wohl härter, jedenfalls die Trainingsleitung setzte uns beide, zusammen mit unserem alten, schon verstorbenen Freund Hans Teichert, ebenfalls einem alten Schülerruderer, und dem gleichfalls gewesenen Schüleruderer Joachim Reichardt - als späterer Veterinäroffizier in Russland gefallen - in den ersten Jungmannvierer. In dieser Besetzung sowohl im Vierer mit Steuermann als auch im Achter haben wir im Sommer 1925 mehrere Rennen gewonnen, auch u.a. zwei Rennen in Königsberg/Ostpreussen, wohin unser Klub damals ging, da "man als Deutscher" ja die Ostgebiete unseres Vaterlandes, das damals schon durch "den berüchtigten polnischen Korridor " geteilt war, soweit möglich, auch in Ausübung des Sports - heute spricht man von Leistungssport, obwohl damals, und auch schon noch früher, sicherlich auch Leistungen erbracht worden sind - aufzusuchen hatte. Für solche Unternehmungen hatten die "geldgebenden, alten Herren" unseres RaW durchaus ein Verständnis. Es wurde gespendet - heute: Sponsoren - es reichte also das Geld für die Verfrachtung der Boote in Eisenbahnwaggons - wir hatten allerdings unsere Boote auf einem Bootswagen zum Güterbahnhof Wannsee zu bringen und holten dieselben auch am Empfangsort "zu Fuss" wieder ab; heute gehts gleich so, jedoch mit einem Transportauto, das die Rennmannschaft von der " Handarbeit " frei stellt. Wir übernachteten bei guten Freunden, auch m a l in einem Hotel und ruderten dann. Die damalige Reise des RaW mit 2 Achtern war ein Erfolg. Wie mein Uhrenhänger, der jeweils mit einem Schieber für ein Trainingsjahr ausgestattet wurde und uns Rennleuten bei der Siegesfeier überreicht worden ist, ausweist, haben wir damals als Jungmannen in der benannten Mannschaft insgesamt 4 Rennen gewonnen, wobei wir wohl etwa - ausgenommen die verschiedenen Vor- und Ausscheidungsrennen - 10 bis 12 Rennen gefahren sind.
In der Rennruderei gab es damals wie heute noch nur e i n e n Sieger, " Plazierungen " waren nicht üblich. In diesem ersten Trainingsjahr habe ich sogar, als wohl besonders kräftiger und nervlich auch gut gelagerter Ruderer, einen Mann in der ersten Seniorenmannschaft das RaW, einen oft "verrückt spielenden, jedoch begabten Ruderer" - Friedrich Graab sowohl im grossen Verbandsachter-Rennen in Grünau als anschliessend auch im Rennen um den Hammoniapreis in Hamburg ersetzen müssen. Hierbei habe ich im Stillen stets gehofft, in einem solchen Rennen, als damals noch Jungmann, nicht zu siegen. Dann wäre ich nämlich, durch einen Sieg in einem unbeschränkten Rennen, alsbald in die Seniorenklasse aufgerückt und hätte die Möglichkeit verloren, in meinem damaligen Alter von e r s t 19 Lebensjahren noch manche, alters- und, auch den Erfolgen nach, beschränkte Rennen zu gewinnen, mindestens mitzufahren. Der Sommer 1925 ging damit zu Ende. Wir wohnten ja während der Trainingszeit im Klubhause, wir waren eine " verschworene Gemeinschaft", 7 Mann auf einer Bude, des Morgens ging es im Stechschritt zum Bahnhof Nikolassee, von dort mit der damals noch Dampf-Stadt- oder Vorortbahn - später mit der elektrischen S-Bahn, in die Stadt zur Hochschule bzw. dieser und jener in sein Geschäft. Des Abends, schon am Nachmittag kam man zurück, wieder ins Bootshaus und hinein ins Boot. Dies auch nach der Beendigung der Trainingszeit. Man hielt nahezu "fanatisch" an dieser Gewohnheit fest, auch, um sich für das nächstjährige Training vorzubereiten. Bei mir war es Ende 1925 mit dem Training aus beruflichem Anlass, zunächst aus.
