Erinnerungen an die Jugendzeit
Immer, wenn wir RaW-Frauen zusammensitzen, kommt mit Sicherheit der Ruf: Irmchen, erzähle doch von früher. Und das will ich heute tun, und ich tue es auch sehr gerne, denn es sind vorwiegend schöne Erinnerungen.
Als ich mit 16 Jahren meinen Schluabschluß machte, ging ich auf eine Fachschule für Kinderpflegerinnen. An dieser Schule gab es eine prima Sportlehrerin, die sich dafür einsetzte, daß eine Ruderriege gegründet wurde. So wurde die Ruderriege "Frisch Voran" ins Leben gerufen. Erst hatten wir kein eigenes Boot und mußten uns im Bootshaus für Berufsschulen (Treptow) Boote ausleihen. Aber wir waren glücklich, daß wir rudern konnten. Erst wurde im Kasten gerudert, bevor man ins Boot steigen durfte. Durch Spenden unserer Eltern und sonstiger Gönner hatten wir dann das Geld für ein eigenes Boot zusammen und selbstverständlich wurde es auf den Namen "Frisch Voran" getauft. Vor allen Dingen ein Vierer hatte sich gefunden, deren Ruderinnen wie Pech und Schwefel zusammenhielten, und als "Ehemalige" konnten wir auch in der Ruderriege bleiben. Unsere Konrektorin Fräulein Giesler vermittelte uns die Gelegenheit, unser Boot in einem Ruderklub in Friedrichshagen unterzustellen, wo wir auch die Möglichkeit hatten, am Wochenende zu übernachten. Das war der Herren-Ruderclub Aegir. Es gab damals kaum gemischte Clubs, aber die Unterhaltung eines Clubs kostete viel Geld, und so machten manche Herrenclubs Damenriegen auf. Es verging kein Wochenende, an dem wir nicht in Friedrichshagen waren. Auf einer Fahrt lernten wir den Ruderlehrer der Berufsschulen kennen, der sich sehr lobend über unsere Ruderei äußerte und uns anbot, uns zu trainieren. Das war unser Paulchen Abel. In Ruderkreisen sehr bekannt und beliebt. Durch ihn kamen wir weit herum, und es dauerte gar nicht lange, da kannte die ganze Oberspree die Mädels von "Frisch-Voran".
Dann kam unsere erste Regatta in Grünau. Frauenrennen waren noch nicht üblich, es gab das sogenannte Stilrudern. Da kam es nicht nur auf die Schnelle, sondern auch auf den "Stil" an. Wir holten gleich auf Anhieb den 1. Platz. Unsere größten Rivalinnen waren die Schülerinnen des Lutherlyzeums, die am kleinen Wannsee ihr Bootshaus hatten. Mit den Jahren wurden wir immer besser und holten viele Preise. Während des Trainings konzentrierten wir uns ganz auf unsere Ruderei, aber außerhalb der Trainingszeit machten wir die herrlichsten Wanderfahrten: Alte Spree, Löcknitz, Möllensee-Ende usw. Unvergessen unsere Ferienfahrten an den Springsee mit Zelten und Abstecher in den Spreewald. Ein kleiner Landtransport, ein Bauer kam mit dem Leiterwagen und transportierte das Boot. Drei aus unserem Vierer gingen feste Bindungen mit Aegier-Ruderern ein. Die Männer waren Schulkameraden. Bekannt davon auch im RaW Herbert (Berthold) Schwarz, Kurt Hartwig und Otto Stutterheim. Wir drei Frauen sind heute noch befreundet und durch den Anschluß auch wieder oft zusammen.
In den Sommermonaten wurden früher in allen Ruderclubs die herrlichsten Sommerbälle veranstaltet, und wir ließen uns da nichts entgehen. Wenn man überlegt, wie viele Ruderclubs es entlang der Spree gab, dann weiß man, daß die Wochenenden nicht ausreichten, um alle Veranstaltungen zu besuchen. Wir blieben meistens bis zum Schluß (3.00 Uhr) und fuhren dann gleich (mit der 1. Straßenbahn Nr. 87) zum Bootshaus. Da passierte folgendes: Wir holten das Boot ganz leise aus der Halle und wollten einsteigen, da ertönte aus dem 1. Stock eine Stimme: Wo kommt Ihr denn jetzt her; mit ausgemergeltem Körper steigt man nicht ins Boot! Wir zogen betreten von dannen. Unser 1. Vorsitzender war immer auf unsere Gesundheit bedacht. Aber ausgemergelter Körper von der Tanzerei, das fanden wir doch reichlich übertrieben. Auch die Feste bei uns im Club waren immer wundervoll. Es durfte nie viel kosten, also machten wir alles selber. Wir Mädchen nähten alles und sorgten auch für die Ausschmückung. Zu einem Fest hatten wir dann auch unser Clublied zusammengedichtet. Es hieß:
Die Ruderriege 'Frisch Voran", die ist beliebt bei Jedermann, viderallala usw. Die Dolle ist am Boote dran, damit man doller rudern kann, viderallala usw. Der Steuermann, der Steuermann, das ist ein Mund mit noch was dran, viderallala.
Es gab noch viele Verse, die mir aber entfallen sind. Ein schönes Erlebnis waren auch immer die Regatten, z. B. in Grünau. Ein herrliches Bild, die vielen Boote mit ihren Vereinsflaggen. Ohne Flagge durfte kein Boot vom Steg.
Dann kam das Jahr 1939. Es gab Krieg. Viele Kameraden wurden sofort eingezogen. Es wehte ein anderer Wind. Wie sich alles veränderte, werde ich vielleicht in einer neuen Folge erzählen.
Irma Schwarz
