Meine 70iährige Mitgliedschaft - ein tiefer Dank an meine zweite Heimat

Lieber RaW, nun stehst Du, ebenso wie ich - wir beide sind fast gleich alt, in Deinem 90. Lebensjahr! Wir schauen gemeinsam auf eine Fülle von Lebensjahren zurück und ich dabei - genau gesagt - auf 71 Jahre, da ich 1924 erstmals in Deine Mauern einzog.

Dies als - noch - Schuljunge, als Mitglied des damals von Bubi Holst trainierten "Schüler-West" Achters, der im Kampf gegen den Ost-Schülerruderverband Niederschöneweide ab 1922 dem Begründungsjahr dieses - dem Oxford/Cambridge-Rennen oft gleichgesetzten - Schüler-AchterRennens, das alljährlich auf der traditionsreichen Regatta-Strecke in Grünau ausgetragen wurde, bis dahin immer der "silberne Zweite" war. Mit sieben Kameraden, die nicht mehr leben, saß ich also in diesem Schüler-Achter unter dem Steuerkommando unseres Kameraden Leo Dahmen. Als in diesem Rennen um Bruchteile von Sekunden "Geschlagener" kam ich, ab April 1925 nunmehr Mitglied geworden, endgültig in Dein Haus!

Was wollten wir? Rudern und Trainieren. Rennen für Deine Flagge gewinnen! Und das Rennrudern hatte ich mir schon als kleiner Junge vorgenommen, als meine Eltern mit uns Kindern im Jahre 1913 die berühmte "Große Grünauer" besuchten, bei der der einstige deutsche Kaiser den Preis im "Kaiser-Vierer" persönlich der siegenden Mannschaft, auf seinem Dampfschiff, mit dem er vom Berliner Schloß auf der Spree bzw. der Dahme zur Regatta nach Grünau gekommen war, überreichte. Ein großer Tag, an dem ich mir als Ziel setzte, wenn ich mal "groß geworden bin", auch an dem Rennen um den Kaiserpreis teilnehmen und, wenn irgend möglich, dieses große deutsche Vierer-Rennen mal gewinnen zu können. Das war mein Ziel und, nebenher noch, mal eine deutsche Meisterschaft zu erreichen.

Mit der Zielsetzung des Rennruderns ging ich als damals 19-Jähriger in Deine vier Wände und habe innerhalb derselben bis einschl. 1933 fünf Trainingsjahre durchlebt. Diese Jahre sind, wie ich rückblickend glaube, in meiner noch nicht familiengebundenen Jugend die besten und schönsten meines Lebens gewesen. Du, lieber RaW, bist meine zweite Heimat geworden, ich habe Dir sogar meinen Beamtenberuf - dies durch Vermittlung Deines damaligen Vorsitzenden "Sem" Seidenschnur -zu verdanken, tausend Erinnerungen haften an Deinen Mauern, an Deinen Bootshallen, an der Trainingsstrecke von Kladow bis Heckeshorn, an allen Trainingstagen- und Jahren, die wir in unserer Generation als nur Vereinsmannschaften durchlebt hatten.

Heutzutage wird sich keiner mehr vorstellen können, daß z. B. 1925 in Deinem Hause drei RaW Achter trainiert worden sind, die mit Erfolgen aber auch Mißerfolgen so manche Regatten besuchten. Man wird sich nicht mehr vorstellen können, daß wir Trainingsleute, also Senioren, Junioren und Jungmannen ständig gemeinsam in Deinen "Trainingsstuben" droben in Deinem Obergeschoß zu wohnen und am täglichen, abendlichen Trainingsessen teilzunehmen hatten. Dies alljährlich von etwa März bis zum September, also bis zur Meisterschaftsregatta.

>Zu welchen Regatten sind wir damals gefahren? Grünau, Hamburg, Duisburg, Königsberg, Danzig, Passau, Wien, Brandenburg, Swinemünde, dort mit dem endgültigen Gewinn des "Goldenen Ostseepokals", Stettin, Hagen am Hengsteysee, Frankfurt/Oder usw. usw.

Der "Ziegenspeck"-Vierer (Ziegenspeck, Parlow, Kude, Graab), der 1924 dem damals sieggewohnten Hoffmann-Borussen-Vierer erstmals Paroli im Rennen um den Hammonia-Preis in Hamburg bot, der "Kampf '-Vierer in den Jahren 1925, 1928, 1929 mit seinen mannigfachen Erfolgen, der im Jahre 1929 'Tast sensationell" der seit Jahren sieggewohnten Amicitia-Mannschaft im "toten Rennen" in Grünau gleichzog (das Wiederholungsrennen am gleichen Abend aber dann doch um Bruchteile von Sekunden verlor), Dein in Berlin schnellster Achter 1930 mit "Schwenker" am Schlag, der "Timme"-Vierer aus dem Jahre 1930, der viele Rennen, auch stets gegen den BRC gewann, weiterhin die aus der "Viktoria in Grünau" zu uns Gekommenen: Urbschat und Graffunder, die 1932 für Deine Farbe die deutsche Meisterschaft in Passau im Zweier-ohne gewannen und sich dann 1933 zusammen mit dem auch aus der "Viktoria" zu uns übergesiedelten Ludwig Einsel - auch er Deutscher Meister im Zweier-ohne - und mir zu einem ganz "schweren Vierer", in welchem ich der leichteste und einzig nicht Deutscher Meister war, gemeinsam fanden. Mit dieser Mannschaft ist die Amicitis in Hagen geschlagen worden. Aber im Kampf um den Kaiserpreis - übrigens die Revanche der Italiener gegen den BRC, dem Olympia-Sieger von Los Angeles anno 1932 - wurden sie wieder nur Zweite.

Erinnerungen an die 20er Jahre, da Dein Ruf als damals noch junger Rennruderklub begründet werden konnte, was sich in den 30er Jahren mit teils sehr großen Erfolgen fortgesetzt hat. Die offenbar fest gewesene Gemeinschaft nicht nur unter uns Trainingsleuten, sondem auch mit den an den Donnerstagen stets, auch an anderen Tagen während der Trainingszeit meistens anwesenden "alten Herren", die nicht nur die rennsportlichen, sondem auch die wirtschaftlichen Sorgen der Trainingsleitung - dies mit mannigfachen Spenden, meist des Besuches von Regatten halber teilten, meist bei den Regatten, so auch im Osten des damaligen Vaterlandes, anwesend waren. Sie spendeten Trost bei Niederlagen, Mit-Freude und Stolz bei Siegen - an den Donnerstagen waren wohl 5 - 6 Skattische im "D-Zug" besetzt!!! - das war das Tragende in unserer Zeit.

Wenn ich heute in Deinen so gut und sogar modern von dem Vorstand hergerichteten Räumen mit jüngeren Kameraden, so wie neulich am 12. Oktober 1995, spreche und "von Einst" erzähle, so mutet das, was eben ich aus dieser Zeit erzählen kann, fast steinzeitartig oder gar steinzeitgleich an. Jetzt liegt nun Dein 89tes Lebensjahr hinter Dir, lieber RaW. Ich meine fast, es sei erst vor kurzem gewesen, da wir Deinen 75. Geburtstag im Jahre 1981 auf dem großen Dampfer vor Deinem Hause gefeiert hatten und etwa gleich kurz davor zurückliegend Deinen 50. Geburtstag, als ich nach langer Gefangenschaft in Rußland erstmals wieder nach Berlin und somit in Dein Haus kam und wir so ganz "unter uns" - ich meine unter allen den Kameraden, mit denen wir den Ruf Deiner Flagge begründet haben - waren, im "Esplanade" den großen Klubball erlebten und zwei Tage hindurch das Feiern in Deinen vier Wänden und der vor Deinem Hause durchgeführten, internen Regatta, wo ich letztmalig ein Rennen (Einer m. Dame am Steuer) gewann. E r i n n e r u n g e n , Erinnerungen. Man könnte ins Schwärmen kommen!

Nun hast Du, lieber RaW, mir, dem "Noch-übrig-Gebliebenen" aus den 20er Jahren, dem wohl einzig-noch-lebenden Trainingsmann aus dieser Zeit, dem Mann, der doch so manche und auch nicht unbedeutende Rennen für Deine Flagge mit gewann, der aber sein sich selbst gesetztes Ziel, mal am Kaiser-Vierer-Rennen teilzunehmen und dieses möglichst auch zu gewinnen, auch Teilnehmer an einer deutschen Meisterschaft zu sein und darin Erster zu sein, niemals erreicht hat, sondem sich grad` in diesen Rennen stets mit dem "silbernen Zweiten" begnügen mußte - was früher überhaupt nicht beachtet worden ist - anläßlich des Ablaufes seiner 70 Jahre anhaltenden Mitgliedschaft in Deinem Hause ein so schönes Geschenk gemacht, auch anerkennende Worte für diesen in Deinem Hause wohl erstmaligen Tatbestand, daß ein Mitglied 70 lange Jahre sich zu Deiner Flagge bekannt hat, gefunden.

Dafür möchte ich mit diesen Zeilen Dir, "meinem" RaW, danken. Die beiden Gaben sind bereits "Erinnerung" geworden. Der schöne Teller hängt neben manchen Bildern aus meiner rennruderischen Vergangenheit unter Deiner Flagge, unter dem mir von Schwenker einst geschenkten - verkleinerten -"Riemen" im mit sonst von Pferdebildern bedeckten Treppenhaus meiner Wohnung. Und das so gute Fernglas benutzte ich schon mehrfach bei meinen Rundgängen durch Feld und Wald hier um mich herum. Ich danke Dir für Dein Gedenken, ich versichere, daß ich auch in meinem jetzigen Alter niemals Dich verlassen werde. Viele Male ist für Freund Schwenker und mich der "Sirenen-Ruf" vom kleinen Wannsee (= BRC) ertönt, doch die Farbe zu wechseln. Ich habe aber immer, so wie auch Schwenker, gesagt, daß ich nur einer Farbe und dies bist Du, lieber RaW, dienen werde. Und Dir gelten alle meine guten Wünsche, heutzutage auch Anerkennung und Dankbarkeit! Also, lieber RaW, von Deinem ältesten, wie gewohnt, ein HippHippHurra!

Leberecht Opitz