Historie: Kälberwerder 1950

Wie die Insel Kälberwerder 1950 aussah und genutzt wurde

Wenn ich zurückdenke, wie wir vor 40 Jahren jeden Sonnatg nach Kälberwerder gefahren sind, dann steigt die Erinnerung in mir auf, dass wir mit Sack und Pack, beladen mit Taschen von Verpflegung, Badezeug und Decken, vom Bahnhof ins Bootshaus gezogen sind, die Kinder an der Hand. Wir haben unsere Boote klargemacht und sind zu "unserer Insel" gerudert. Jede Familie hatte ihren festen Platz; d. h. jeder Baum dort war einer Familie vorbehalten. Hier lagerten wir, hier wurde hinter einem Windschutz Kaffee gekocht.

Kaum angekommen, hatten die Kinder schon Hunger; die Taschen waren noch nicht ausgepackt, schon stürzten sie sich auf Würstchen mit Kartoffelsalat, auf Brot und Eier, und zum Schluß machten sie sich noch über den Pudding her. Dann wurde gebadet, gespielt und geklönt. Zur Heimfahrt setzte sich ein großer Pulk von Einern und Zweiern in Bewegung. Auf dem Bootsplatz herrschte ein unbeschreibliches Gedränge, die Bootswagen reichten nie aus, und wenn man endlich sein Boot auf dem Trockenen hatte, dann bat man den nächsten schon, für die Familie Platz auf der Veranda freizuhalten. Wir erinnern uns aber auch an so manche Sturmfahrt, Gewitterregen rauschte vom Himmel. Blitze zuckten über Havel und Wannsee.Walter Specht wollte uns der Kinder wegen mit dem Motorboot von der Insel abholen. Auf der Rückfahrt nahmen wir auch noch Paul und Jauckel auf; letzere war wieselflink, wie man es nicht von ihr erwartet hätte, auf dem Steuersitz und mit einem Sprung im Motorboot - der Einer wurde längsseits geschleppt.

Wie sah die Insel damals in den 50er Jahren aus?

Mit Ausnahme des Badestrandes war sie von einem dicken Schilfgürtel umrahmt. An der Südseite war das Schilf 3 Bootslängen tief; hier mussten die Boote in eine Schneise einfahren, wenn deren Mannschaften bei abendlichem Froschkonzert zelten wollten, denn nur auf diesem Teil der Insel war es gestattet. Im übrigen mussten die Boote am Strand anfahren, wurden entladen und dann nach oben getragen. Schließlich waren wir an schönen Sonntagen häufig mehr als 20 Familien, die die Insel bevölkerten. Ein Inselhaus gab es noch nicht, lediglich der Wellblechschuppen konnte bei starkem Regen etwas Schutz bieten. Auch Bänke hatten wir nicht auf KW - man lagerte auf der Erde, allerdings hatten wir schon Luftmatratzen. Und so manche Wanderruderer kamen auf der Rückfahrt von ihrer Tagestour bei Kälberwerder vorbei, weil es hier immer noch etwas zu essen und zu trinken gab. Wir empfanden diese Sonntage trotz allem als eine Erholung vom Stress der Woche und unsere Kinder hatten stets ein wunderschönes Thema für Schulaufsätze mit dem zusätzlichen Effekt, dabei auch noch etwas Heimatkunde zu vermitteln - denn wer kannte schon Kälberwerder?

Werner Krebs