Tränen der Erleichterung am Siegersteg
Ob es mir auch in diesem Jahr gelingen würde, mich für die deutsche U23 Nationalmannschaft zu qualifizieren, ist bis zur Deutschen Meisterschaft Ende Juni in Duisburg unklar gewesen.
Aufgrund einer schweren Fußverletzung lief mein Start in die diesjährige Saison nämlich alles andere als gut, sodass ich bis zum Ende um mein WM-Ticket bangen musste. Umso erleichterter war ich, als ich nach zwei zweiten Plätzen in Duisburg (jeweils im Einer und Doppelvierer) die Nominierungsunterlagen ausgehändigt bekommen habe. Gemeinsam mit Christin Fernitz aus Leipzig, Ulrike Törpsch aus Pirna und Maren Stallkamp aus Osnabrück verbrachte ich die nächsten vier Wochen im Frauendoppelvierer. Trainiert wurden wir in dieser Zeit von Thomas Kleinfeldt aus Leipzig. Die gut drei Wochen UWV (unmittelbare Wettkampvorbereitung) in Schleswig Holstein, wo wir versuchten unsere vier teilweise sehr unterschiedlichen Ruderstile effektiv zu vereinen, verliefen ohne größere Krankheitsausfälle. In der Regel trainierten wir zweimal täglich auf den Ratzeburger Gewässern. Dazwischen stand täglich Kräftigungsgymnastik auf dem Trainingsplan und jeden dritten Tag hatten wir nachmittags trainingsfrei. Regelmäßige Videoaufnahmen und Messboot- Fahrten, wodurch ich mich letztendlich als Schlagfrau behaupten konnte, zeigten uns immer wieder unsere Schwachpunkte auf, an denen wir akribisch arbeiteten und an einigen Tagen mehr, an anderen Tagen weniger gut umsetzen konnten. Neben Stufentests zu Beginn des Trainingslagers, fuhren wir im Laufe des Lehrgangs viele Belastungen mit zunehmender Intensität, die nie „das Gelbe vom Ei“ gewesen sind, wie Thomas immer zu sagen pflegte, mit denen wir uns aber im oberen Mittelfeld der gesamten Mannschaftsleistung platzieren konnten. Dennoch hofften wir auf eine Steigerung durch die Atmosphäre am Wettkampfort.
Somit traten wir am Morgen des 21. Juli mit viel Vorfreude, aber auch ein wenig Ungewissheit, unsere Reise ins tschechische Racice an, wo vom 23.-26. Juli die diesjährige U23 Weltmeisterschaft stattfand. In einem 9-Boote-Feld, wodurch zwei Vorläufe zustande gekommen waren, konnten wir unseren Vorlauf dominieren und überquerten vor Neuseeland, Russland und Australien die Ziellinie. Der erste Schritt war damit getan und unser Trainer betonte von diesem Moment an mehrmals täglich: „Mädels, ich weiß ihr habt das Potenzial, am Sonntag hier eine Medaille aus dem Wasser zu fischen; je glänzender umso besser“! Doch so richtig wollte ich dem Burgfrieden noch nicht trauen, da der andere Vorlauf wesentlich stärker mit den Ukrainerinnen, Weißrussland, Rumänien und Italien (von denen bereits zwei Boote beim Weltcup in Luzern 2 Wochen zuvor im A-Finale gerudert sind) besetzt gewesen war.
Mit dem Vorlaufsieg hatten wir uns zwei freie Tage errudert, die wir abgesehen vom Training für einen Kurzausflug nach Prag nutzten, um die Köpfe ein wenig frei zu bekommen. Ein Spaziergang über die Karlsbrücke war der Höhepunkt unserer Tour durch die Altstadt, wo wir vier Mädels dann gemeinsam die bekannteste der Statuen, St. Johannes, berührten, was uns das nötige Glück bringen sollte. Am Finaltag waren die Erwartungen sowohl an mich persönlich, nachdem ich in den letzten beiden Jahren immer mit einer Medaille von der U23 WM zurück gekehrt bin, als auch an die Mannschaft hinter mir sehr hoch. Obwohl wir für unsere Verhältnisse einen guten Start erwischten, hatten sich die Ukrainerinnen bereits nach 250 Metern mit offenem Wasser vor uns geschoben. In einem beherzten Rennen sind wir Frequenzen gefahren, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie über 2 Kilometer halten konnten, was uns schließlich die Silbermedaille vor Rumänien sicherte.
Zufrieden waren damit sowohl der Cheftrainer als auch unser Bootstrainer und, was noch viel wichtiger ist, wir selbst, da an keiner Stelle des Rennens für unsere Verhältnisse mehr drin gewesen wäre.
Julia Richter
