Medaille auf Umwegen
Die 1000m-Marke am Ufer, von der Tribüne dröhnt die italienische Hymne – die Hälfte ist geschafft, dann ist alles vorbei und die Saison zu Ende. Das Boot hängt Backbord und ich habe vorne mal wieder nicht getroffen.
Also: ruhig sitzen, Backbord lang ausschieben und vorne besser vorbereiten, schießt es sofort durch meinen Kopf…
S T O P !
Ich halte an und denke kurz nach... Um den Hals habe ich noch meine bisher einzige WM-Medaille und ich stehe total unter Strom vom Finale und der Siegerehrung. Ich blicke kurz zurück.
Angefangen hatte alles mit der großen DRV-Kaderinventur in Leipzig, erst ein Ergotest (versemmelt) und dann der Langstreckentest im Einer (gerade so Platz 9). Es folgte die Kleinbootmeisterschaft in Brandenburg – B-Finale mit Platz 9 beendet. Große Enttäuschung! Alle Hoffnungen lagen nun auf dem Doppelzweier mit Michael Keschka (Dresdener RC). Regatta in Essen – keine Chance gegen das Jungstarduo! Jetzt hieß es auf der zweiten Rangliste in Ratzeburg nochmal einen Satz nach vorne zu machen – misslang, wieder nur B-Finale. Uecki stellte mich zwei Tage vom Rudertraining frei – nachdenken war angesagt, um das Saisonziel „Internationale Medaille“ zu retten. Von riemen über skullen, von leicht über schwer stand alles im Raum. Die Vernunft siegte: Die Deutsche Meisterschaft im Leichtgewichts-Einer gewinnen und damit das WM-Ticket lösen. Also rein in den Einer. Kilometer und Belastungen schrubben – Studium auf Schmalspur. Schnell war klar, dass Michael mein größter Konkurrent ist!
In Duisburg lief trotz Wetterchaos alles glatt, bei der 1500m-Marke griff ich an und gewann! Am Abend dann noch der Titel im Vierer – Doppelmeister! Zur WM-Vorbereitung fehlte mir jetzt der Trainer – Uecki musste als DRV-Trainer die AFrauen betreuen. Thorsten Zimmer (Hannover) hieß nun die Stimme aus dem Motorboot. Selbstbewusst fuhren wir nach Racice und hangelten uns gut durch die Vorrennen. Im Finale dann Bronze hinter Iran und Brasilien. Ziel erreicht, bei solch einem internationalen Feld! Also kein Grund sich Stress zu machen.
Ich lasse los, rudere ganz entspannt mit schleifenden Blättern (dann hängt es wenigstens auf beiden Seiten) zum Steg zurück und werde freudig vom DRV-Begleitteam in Empfang genommen. Alle wissen es ist meine erste Medaille! An dieser Stelle möchte ich ganz besonders Thorsten Zimmer danken, der mich mit großem Einsatz und völlig selbstlos vor und während der WM betreute. Ich hoffe, es hat dir Spaß gemacht! Einen nassen Sack Mehl sehe ich jetzt auf jeden Fall mit anderen Augen. Danke Thorsten! Weiterhin gilt mein Dank der Unterstützung der vielen Klubkameraden, die mir immer und überall zur Seite stehen!
Linus Lichtschlag
